Kunsttherapie

„DER SEELE BILDER MALEN,  SAMEN SÄEN...“

Zur Kunsttherapie im Berliner Herz

(Von Gerald Auler und Frauke Schärff)

In der Arbeit mit schwerkranken und sterbenden Kindern (und ebenso Jugendlichen und jungen Erwachsenen) hat sich Kunsttherapie als tragender und wichtiger Teil der psycho-sozialen Betreuung bewährt und ist inzwischen als unverzichtbarer Bestandteil der fortschrittlichen internationalen Hospizarbeit etabliert- so auch im Berliner Herz des HVD. Kunsttherapie leistet in der außergewöhnlichen Situation, in der sich lebensbedrohlich erkrankte Kinder befinden, einen wichtigen Beitrag zu psychischer und seelischer Entlastung. Im Berliner Herz wird Kunsttherapie sowohl für lebensbedrohlich erkrankte junge Menschen als auch für deren Geschwister und Eltern angeboten.

Kunsttherapie ist eine prozess- und  ressourcenorientierte Therapieform: Sie bietet dem lebensbedrohlich erkrankten Kind die Möglichkeit, sich über das Medium Kunst mitzuteilen, auch wenn Sprache fehlt. Trotz körperlicher Defizite kann es sich in einen aktiv schöpferischen, dialoghaften und auch freudvollen Handlungsprozess  begeben und dabei den Verlauf dieses Prozesses maßgeblich bestimmen. Der zunächst nonverbale künstlerische Prozess kann somit ein  allmähliches und behutsames Herausführen aus innerer Isolation ermöglichen, eine erholsame Auszeit von Leid und Bedrückung bedeuten und gleichzeitig Prophylaxe zur Vermeidung weiterer psychosomatischer Beschwerden sein.

Kunsttherapie wird vom Berliner Herz aktuell durch zwei Diplom-Kunsttherapeuten sowohl der Helios-Klinik (Berlin-Steglitz, Mukoviszidose-Station/Immunologie), dem Klinikum Buch (Berlin-Buch, Schwerpunkt Pneumologie) als auch Familien mit lebensbedrohlich erkrankten Kindern zuhause im Großraum Berlin besuchend zur Verfügung gestellt.

Da die Kunsttherapie für das Berliner Herz in der Regel eine aufsuchende, ambulante Form der Therapie darstellt, bedarf es hier seitens des Kunsttherapeuten einer ganz besonderen Aufmerksamkeit auf die Gewährleistung und Einhaltung eines geschützten Rahmens , in welchem dem gestaltenden jungen Menschen (trotz eines beispielsweise hektischen Klinikalltags oder einer belasteten Familiensituation) das ungestörte Eintauchen in den therapeutischen Prozess und in die eigene innere Bilderwelt weitestgehend ermöglicht werden kann. Nur dann können  gefahrlos und in Ruhe neue Herangehensweisen an innere Fragestellungen, Nöte, Ängste etc. innerhalb des Gestaltungsprozesses ausprobiert und umgesetzt werden.

Auch Geschwisterkinder sollten innerhalb des kunsttherapeutischen Prozesses erleben können, dass sie ihren belastenden und zum Teil widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen auf Dauer nicht schutzlos ausgeliefert sein müssen, sondern dass widerstreitende Emotionen wie beispielsweise Wut/Trauer oder Hass/Schuld in ihrer Situation durchaus natürliche und verständliche Reaktionen sind, welche sich aber mit der Zeit klären können, wenn sie ausgedrückt und somit be- und verarbeitbar gemacht werden. Die verschiedenen Altersstufen der Kinder erfordern dabei jeweils unterschiedliche individuelle Unterstützungs- und Begleitungsformen.

Für trauernde Eltern kann kunsttherapeutische Arbeit bedeuten, sich innerhalb des künstlerischen Prozesses den eigenen inneren Stärken und Stützen allmählich wieder bewußter zu werden, diese wieder anzunehmen und somit zukünftig auch für die Bearbeitung der eigenen seelischen Ausnahmesituation nutzbar zu machen.



Die im künstlerischen Tun entstandenen Bilder oder Plastiken werden  in der Kunsttherapie weniger vordergründig als Kunstwerk beurteilt, aber unbedingt willkommen geheißen und in ihrer individuellen Bildsprache wertgeschätzt. Sie dienen eher als ein innerer Hinweis und sind möglicherweise Wegweiser für den weiteren Verlauf des gestalterischen Prozesses. Gleichwohl können die entstandenen Bilder Botschaften oder Anknüpfungspunkte für Gespräche sein. Sie können die Außenwelt berühren, uns an Wesentliches erinnern oder uns einfach nur Freude schenken.

Kunsttherapie findet in Einzel- oder  Gruppenarbeit statt.
Die Angebotspalette der ambulanten wie auch der stationären Kunsttherapie („mobiles Atelier“, besuchend mit Korb und Wägelchen) ist mannigfaltig, immer an Wünschen, Bedürfnissen und Situationen des Patienten ausgerichtet und umfasst unter anderem:

- Malen mit Auarell- oder Temperafarben ( „Naß-in-Naß“-Technik)
- Farbmeditation mit Pflanzenfarben
- Zeichnen (Pastelle, Wachskreiden, Filz- Bunt und Graphitstifte)
- Plastisch- Therapeutisches Gestalten mit Ton oder Plastilin
- Spontanes Ausdrucksmalen
- Kalligrafisches Zeichnen ( Zen- Kunst,  Meditation, Selbstwahrnehmung)
- freikünstlerisches Arbeiten
- Film/Videoarbeit
- Lyrik/ Gedichte


Literaturempfehlungen zum Thema:
D. Tausch- Flammer: „Wenn Kinder nach dem Sterben fragen“, Herder, 1998
E. Kübler- Ross: „Kinder und Tod“, Kreuz-Verlag, 1983
E. Kübler- Ross: „Verstehen was Sterbende sagen wollen“, Kreuz-Verlag, 1989


Richard H.,13 Jahre: „Inseln, von oben“           Foto: Auler