Erfahrungen unserer Familienbegleiter

Bericht zur Familienbegleitung und Hospizarbeit

Als ich mich dazu entschied, mich in Familien mit schwerstkranken Kindern zu begeben, war das das Ergebnis eines umfangreichen inneren Prozesses. Die Idee, mich mit kranken oder sterbenden Menschen auseinanderzusetzen, ihnen so gut ich kann beizustehen und mich damit zugleich selbst mit diesen Themen zu konfrontieren trug ich schon sehr lange in mir, ohne bislang einen zündenden Impuls gehabt zu haben, mich in den entsprechenden Hospizkontext zu begeben. Als ich irgendwann mehr oder weniger zufällig in einem Berliner Stadtmagazin darauf stieß, dass das Berliner Herz gerade dabei war, einen ambulanten Kinderhospizdienst aufzubauen und noch ehrenamtliche Mitarbeiter suchte, war die Zeit offenbar reif und ich meldete mich ohne lang zu überlegen für die damit verbundene Ausbildung an, die zunächst mit einem theoretischen Teil begann. Über ein halbes Jahr wurde unsere Ausbildungsgruppe umfassend damit vertraut gemacht, was auf uns zukommen würde.

Dabei wurde viel Hintergrundwissen vermittelt – vom Umgang mit Sterben und Trauer in den großen Religionen und Kulturen über ganz praktische Angelegenheiten wie der Organisation einer Beerdigung oder Trauerfeier bis hin zum angemessenen Sprechen mit Betroffenen. Weiterhin gab es Berichte von Ärzten über verschiedene typische schwere oder unheilbare Erkrankungen, den entsprechenden Umgang mit ihnen oder auch über Schmerztherapie. Es wurden für Kinder geeignete kunsttherapeutische Übungen vermittelt und an mehreren Wochenenden gab es Intensivkurse, die viel Raum für Selbsterforschung in Bezug auf den Tod und den Umgang damit boten. Schließlich führten wir viele berührende Gespräche mit Eltern, die die Erfahrung ein Kind zu verlieren bereits gemacht hatten und natürlich gab es einen regen Austausch mit Familienbegleitern, die schon lange andere im Hospizkontext unterwegs waren.  

So gut vorbereitet wurden wir schließlich in die jeweiligen Familien eingeführt. „Meine“ Familie begleite ich seit mittlerweile eineinhalb Jahren, wobei meine Aufgabe hauptsächlich darin besteht, die Eltern vierer zwar nicht mehr todkranker, dennoch schwer behinderter Kinder zu entlasten, indem ich mich einmal in der Woche mit ihnen beschäftige, spazieren gehe und spiele.

Mit der Zeit hat sich ein sehr offenes und zugewandtes Verhältnis etabliert, zu den Eltern wie zu den Kindern. Es ist deutlich spürbar, dass allein der Umstand, dass ich regelmäßig da bin und sozusagen zur Verfügung stehe, die Familie entlastet. Außerdem liegt es in der Natur der Sache, dass die ehrenamtliche Begleitung eine gewisse Ungezwungenheit und Freiheit ermöglicht: Indem ich die Familie besuche, mit den Eltern bespreche und vereinbare, was sie und die Kinder gerade brauchen, tue ich etwas, was mir Freude macht, weil ich mich freiwillig und aus einem wirklichen inneren Bedürfnis heraus dafür entschieden habe. Zugleich bin ich existenziell nicht darauf angewiesen, denn meinen Lebensunterhalt bestreite ich woanders. Es ist dabei immer wieder erstaunlich für mich, wie viel in den wenigen Stunden, die ich neben Vollzeitjob und vollem Terminkalender für die Begleitung erübrigen kann, an hilfreicher Unterstützung für die Familie möglich ist. Schon allein, weil ich mich nicht nach festen Arbeitszeiten oder bürokratischen Vorgaben richten muss. Ich kann diese Arbeit jedem interessierten und psychisch stabilen Menschen empfehlen. Sie ist eine wirklich gefüllte und sinnvolle Alternative zu dem üblichen sich nur in seinen eigenen Problemen Wälzen oder dazu, nach Feierabend vor dem Fernseher zu versacken. Denn in dem innigen und von beiderseitiger Dankbarkeit geprägten Kontakt zu den Familien liegt nicht nur die Möglichkeit anderen Menschen zu helfen, sondern auch das große Potential, den eigenen Horizont immer mehr zu erweitern.



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"Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hilflos und allein gelassen man sich fühlt, wenn man einen lieben Menschen mit einer lebensbedrohenden Krankheit zu pflegen hat - und mit der Erkenntnis umgehen muss, diesen Menschen zu verlieren.
Neben der ständigen Präsenz des nahenden Todes sind es die ganz "alltäglichen" Dinge, die es zu bewältigen gilt. […]
Natürlich ist es vor allem auch die Zuwendung, die man dem erkrankten Kind schenken kann, damit entlastet man die Angehörigen wenigstens für kurze Zeit. Sie sind aber auch selbst für Gespräche oder "einfaches Zuhören" dankbar. Deshalb bin ich sehr froh, beim "Berliner Herz" mitarbeiten zu dürfen. Immer wieder muss ich feststellen, dass ich nicht nur gebe, sondern unendlich viel mehr zurück bekomme."

(Ursula Steinacker, Berlin)